Fächer » Chinesisch » Das Fach

Seit drei Jahren gibt es am AKG die Möglichkeit, im Wahlunterricht Chinesisch zu lernen. Inzwischen habe ich als Chinesischlehrerin vielfältige Erfahrungen über Möglichkeiten und Grenzen dieses Unterrichts gesammelt.

Um eines der ältesten Kulturvölker kennenzulernen und zu diesem Zweck die Sprache dieses Volkes zu erlernen, sind zwei Wochenstunden Wahlunterricht natürlich nicht sehr viel. Wozu kann ein derartiger Unterricht dienen?

Die meisten Menschen in Europa wissen vom Chinesischen vielleicht nur, dass es mit seltsam aussehenden Zeichen geschrieben wird. Dabei ist Chinesisch aber auch in seiner Struktur so weit von den indo- europäischen Sprachen entfernt, dass auf den ersten Blick gar keine Entsprechungen der verschiedenen Grammatiken und des ganz anderen Satzbaus vorhanden zu sein scheinen. Das Chinesische kennt keine Konjugationen, keine Deklinationen, und auch die Zeitstufen Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft nicht. Schon nach kurzer Beschäftigung mit Sprache und Schrift kann man erkennen, dass dies mit den Chinesischen Zeichen zusammenhängt. Man kann Chinesisch sehr wohl mit Buchstaben schreiben, aber umgekehrt Deutsch mit chinesischen Zeichen zu schreiben ist unmöglich. Das kommt daher, dass jedes chinesische Zeichen ein Wort oder mindestens eine Silbe bezeichnet. Und das ist nur möglich, weil die Wörter grammatisch unveränderlich bleiben, denn sonst bräuchte man noch extra Zeichen, beispielsweise für die Kasus- und Pluralveränderungen bei den Nomen, und für die Veränderungen der Personen bei den Verben und deren Zeiten, von Vokalwechseln beim Plural und anderen Verbformen ganz zu schweigen.

Berühmt und berüchtigt sind auch die verschiedenen Töne das Chinesischen: Je nachdem, in welcher Tonhöhe ich eine Silbe spreche, wechselt auch das Zeichen, und auch die Bedeutung dieser Silbe bzw. des Wortes.

Angesichts dieser Schwierigkeiten muss man sich noch einmal fragen: Was kann den Schülern vermittelt werden? Natürlich wird kaum jemand durch diesen Unterricht perfekt Chinesisch lernen, aber das gelingt selbst dem Unterricht einer Nachbarsprache äußerst selten.

Die erste Beschäftigung mit dem Chinesischen kann immerhin einen ersten Zugang zu einer völlig fremden Kultur eröffnen und den Horizont erweitern. Durch die völlig andere Weise des Schreibens und des Sprechens können die Schüler recht anschaulich sehen, dass solche grundlegenden Kulturtechniken auch ganz anders sein können, als sie es gewohnt sind und schon für selbstverständlich erachten. Wenn sie tiefer darüber nachdenken oder auch im Unterricht mit der Lehrerin über deren umgekehrte Erfahrungen diskutieren, können sie zu weiterreichenden Überlegungen über Lebenshaltungen, die mit diesen Kulturtechniken zusammenhängen, kommen. Hat zum Beispiel die Genauigkeit in den Zeitstufen des Deutschen vielleicht mit der deutschen Pünktlichkeit zu tun? Oder verbirgt sich darin, dass es im Chinesischen nicht so auf Gegenwart oder Vergangenheit ankommt, ein ganz anderes als das europäische Zeitgefühl?

Man kann die Annäherung an das fremde Chinesische aber auch ganz pragmatisch sehen: Die Wahrnehmung der sprachlichen Unterschiede trainiert die sprachliche Abstraktionsfähigkeit, die Töne schulen die phonetische Sensibilität, und die Zeichen die visuelle Gedächtnis- und Identifizierungsfähigkeit. Wichtiger aber als alles Training sollte der Schritt von dem Erstaunen vor dem Fremden zu Respekt, Toleranz und Offenheit ihm gegenüber sein - ganz abgesehen davon, dass selbst kleine Freundlichkeiten, auf Chinesisch gesagt, bei späteren Privat- und Geschäftsbeziehungen nützen können.

Hui Xie